New Urbanism ist eine städtebauliche Strömung, die sich gegen die weitläufige, autogerechte Vorstadt richtet und stattdessen kompakte, gemischte und gut zu Fuß erschlossene Quartiere anstrebt. Die Bewegung entstand in den Vereinigten Staaten und erhielt mit der Gründung des Congress for the New Urbanism 1993 ihre Form. Charakteristisch ist, dass sie nicht nur den Städtebau betrifft, sondern in der Praxis oft mit traditioneller oder historisierender Architektur einhergeht — daher der Beiname Retro-Architektur.
Grundsätze
- Fußläufigkeit — Angebote des täglichen Bedarfs in fünf bis zehn Minuten zu Fuß erreichbar
- Nutzungsmischung — Wohnen, Arbeiten, Handel und Einrichtungen nebeneinander statt in getrennten Zonen
- Klare Mitte und klarer Rand, damit ein Quartier als Ort lesbar wird und nicht als Ansammlung von Straßen
- Feinmaschiges Straßennetz mit kurzen Blöcken statt verästelter Sackgassenstrukturen
- Die Straße als Aufenthaltsraum — schmale Profile, Fassaden an der Straße, Parken rückwärtig oder unterirdisch
- Gemischtes Wohnungsangebot in Typ und Preis innerhalb desselben Quartiers
Retro-Architektur
Während New Urbanism vor allem ein städtebauliches Programm ist, wählen die Entwerfer häufig eine neotraditionelle Formensprache: Backstein, geneigte Ziegeldächer, gesprosste Fenster und Fassadenbilder, die auf die Vorkriegsstadt oder gar die vorindustrielle Stadt verweisen. Das bekannteste europäische Beispiel ist Brandevoort in Helmond in den Niederlanden: eine Stadterweiterung ab 1996 nach einem städtebaulichen Plan von Rob Krier, mit einem verdichteten Kern — De Veste —, der als Festungsstädtchen mit umlaufender Gracht angelegt ist.
Diese Wahl ist umstritten. Befürworter verweisen auf Wiedererkennbarkeit, menschliches Maß und die hohe Zustimmung der Bewohner. Kritiker sprechen von Kulisse: eine historische Verpackung um einen zeitgenössischen Grundriss und eine zeitgenössische Bauweise.
Hinweise für die Praxis
- Das Detail entscheidet. Eine traditionelle Fassade steht und fällt mit Mauerwerksverband, Fugenfarbe, Fenstertiefe in der Laibung und Dachrand. Flache Fassaden mit dünnen Riemchen wirken sofort als Imitat
- Parken ist die schwierigste Aufgabe. Die autofreie Straße funktioniert nur, wenn das Parken glaubwürdig anderswo gelöst ist
- Unterhalt einplanen. Schmale Profile, Hecken und Plätze verlangen mehr Pflege als ein Standardwohngebiet
- Nachhaltigkeit und Tradition schließen sich nicht aus, aber ein steiles Ziegeldach, kleine Fenster und viel Fassadenfläche verlangen bewusste Entscheidungen bei Dämmung, Ausrichtung und Photovoltaik
Verwandte Begriffe
- Neomoderne
- Funktionalismus
- Bauhaus
- Bebauungsplan
- Neorenaissance
- Ökologisches Bauen
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