Ein Lettner (niederländisch *doksaal*) ist eine gemauerte oder hölzerne Trennwand zwischen dem Chor (wo die Geistlichkeit Platz nahm) und dem Schiff (wo die Laien saßen) einer mittelalterlichen Kirche, oft mit einer erhöhten Plattform versehen, von der aus gelesen und gesungen wurde. Er ist eines der charakteristischsten Elemente einer gotischen Kirche und trägt im Lateinischen auch den Namen *jubé*.
Form und Funktion
Ein typischer Lettner besteht aus:
- Einer Wand oder Arkade — manchmal nur ein Bogen, manchmal eine Reihe von fünf, sieben oder neun Öffnungen
- Einem doppelten Durchgang — zwei Türen oder Öffnungen zum Chor
- Einer Laufplattform oder Empore — oben auf der Trennwand, erreichbar über eine Wendeltreppe
- Einem Lesepult oder einer Kanzel — zum Vorlesen der Schrift
- Dekorativen Bildhauer- oder Malerarbeiten — Passionsgeschichte, Heiligenfiguren, Evangelisten
Der Name *doksaal* leitet sich vom lateinischen *doxale* ab, einer Ableitung von *doxologia* (Lobgesang), und verweist auf das Singen von Psalmen von der Plattform aus.
Anwendung
Der Lettner hatte vor allem diese Rollen:
- Trennung von Heiligem und Profanem — der Chor war der Geistlichkeit vorbehalten, das Schiff den Gläubigen; der Lettner markierte physisch diese Trennung
- Ort des Evangeliums — vom Lettner aus wurden die Schriftlesungen, Passionsgeschichten und Predigten vorgelesen
- Krönung mit dem Kreuz — oben auf dem Lettner stand häufig ein großes Triumphkreuz (im Deutschen *Triumphkreuz* genannt)
- Orgel — in späteren Phasen wurde auf dem Lettner eine Orgel platziert
Geschichte
- 12. bis 15. Jahrhundert — Blütezeit in Westeuropa; nahezu jede große Kirche hatte einen Lettner
- 16. Jahrhundert (Reformation) — in protestantischen Kirchen wurden Lettner entfernt, weil die Trennung zwischen Laien und Geistlichen aufgehoben wurde
- 17. Jahrhundert (Gegenreformation und Barock) — in katholischen Kirchen wurden viele mittelalterliche Lettner durch offene Kommunionsbänke ersetzt, damit die Gläubigen die Messe besser verfolgen konnten
- 19. Jahrhundert (Neugotik) — Wiederherstellung und Rekonstruktion mittelalterlicher Lettner, manchmal auf der Grundlage archäologischer Reste
Bekannte Beispiele
In den Niederlanden und Belgien sind noch einige mittelalterliche Lettner erhalten:
- St.-Johannes-Kathedrale, ‘s-Hertogenbosch — Lettner aus dem 16. Jahrhundert mit reichem Bildhauerwerk
- St.-Salvator-Kathedrale, Brügge — spätgotisch in Stein
- St.-Peter-Kirche, Löwen — berühmt für feine Steinmetzarbeit
In Frankreich steht der berühmte Lettner der Kirche Sainte-Madeleine in Troyes, ein Meisterwerk der flamboyanten Gotik.
Verwandte Begriffe
- Chor
- Empore
- Kreuz
- Kirche
- Gotik
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