Natürliche Lüftung — auch freie Lüftung genannt — ist Luftwechsel, der allein von physikalischen Kräften angetrieben wird: vom Winddruck an der Fassade und vom Temperaturunterschied zwischen innen und außen. Ein Ventilator ist nicht beteiligt. Die Luft tritt über Fenster, Lüftungsgitter oder Fassadenöffnungen ein und verlässt das Gebäude über Öffnungen an der anderen Seite oder über einen senkrechten Schacht.
Die beiden Antriebe
- Winddruck — auf der Luvseite entsteht Überdruck, auf der Leeseite Unterdruck. Dieser Unterschied schiebt Luft durch das Gebäude. Am wirksamsten ist die Querlüftung mit Öffnungen an zwei gegenüberliegenden Fassaden
- Thermischer Auftrieb (Kaminwirkung) — warme Innenluft ist leichter und steigt auf. Bei einem Höhenunterschied zwischen Zu- und Abluftöffnung entsteht eine Strömung. Je größer Höhen- und Temperaturunterschied, desto stärker der Zug
Beide Kräfte sind kostenlos, aber launisch: An einem windstillen Herbsttag, wenn innen und außen fast gleich warm sind, kommt der Luftwechsel praktisch zum Erliegen. Genau das ist die Schwäche des Systems.
Vor- und Nachteile
- Vorteil: kein Strom, kein Ventilator, kein Geräusch. Es gibt nichts, was ausfallen kann
- Vorteil: minimaler Wartungsaufwand — Gitter reinigen genügt
- Nachteil: nicht regelbar. Bei Sturm zu viel, bei Windstille zu wenig
- Nachteil: Zugluft und Wärmeverlust. Die eintretende Luft hat Außentemperatur, eine Wärmerückgewinnung ist nicht möglich
- Nachteil: keine Filterung von Pollen, Ruß und Feinstaub
Anwendung
Im Bestand vor etwa 1990 ist die freie Lüftung der Normalfall. Im heutigen Neubau reicht sie als alleinige Maßnahme meist nicht mehr aus, weil Luftdichtheit und Energieanforderungen hoch sind — undichte Fugen als unfreiwillige Grundlüftung gibt es nicht mehr. Häufig wird die natürliche Zuluft aber mit mechanischer Abluft kombiniert.
Worauf zu achten ist
- Lüftungsgitter offen lassen. Ein zugeklebtes Gitter ist der schnellste Weg zu Kondensat und Schimmel an der kältesten Stelle des Raumes
- Gitter jährlich reinigen; Staub, Insekten und Farbe halbieren den Querschnitt
- Nie eine Dunstabzugshaube auf einen natürlichen Abluftschacht setzen, der zugleich von einer raumluftabhängigen Feuerstätte genutzt wird
- Innere Überströmung sicherstellen: etwa 1 bis 2 cm Spalt unter den Zimmertüren oder Überströmelemente
- Stoßlüften statt Kippen: Fenster kurz und weit öffnen tauscht die Luft weitaus schneller aus als ein ganztägig gekipptes Fenster — und kühlt die Wände nicht aus
Verwandte Begriffe
- Mechanische Lüftung
- Balancierte Lüftung
- Nachtlüftung
- Kondensation
- Luftdichtes Bauen
- Luftdichtheit
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