Livre ouvert — französisch für ‘aufgeschlagenes Buch’ — bezeichnet die Technik, bei der zwei benachbarte Platten aus demselben Steinblock oder demselben Stamm spiegelbildlich nebeneinander gesetzt werden. Die Maserung läuft symmetrisch über die Fuge, als schlage man ein Buch auf.
Im Deutschen spricht man vom Bücherschlag oder von gespiegeltem Aufbau, im Englischen von book matching. Das Prinzip gilt für jedes Material mit durchlaufender natürlicher Zeichnung: Marmor, Travertin, Onyx, Granit und Holzfurnier.
Wie es funktioniert
Ein Natursteinblock oder ein Furnierblock wird in parallele Platten geschnitten. Zwei aufeinanderfolgende Platten haben an der Schnittseite nahezu dieselbe Zeichnung, weil sie aneinandergrenzten. Klappt man die zweite Platte um ihre Längsachse um — wie eine Buchseite —, liegen diese beiden fast identischen Flächen nebeneinander und es entsteht ein symmetrisches Bild mit der Fuge als Spiegelachse.
Ein wichtiges Detail: Die Spiegelung funktioniert nur durch das Umklappen, nicht durch Verschieben. Bei Furnier bedeutet das, dass eine Platte mit ihrer ‘losen’ Seite nach oben liegt und die andere mit ihrer ‘geschlossenen’. Diese beiden Seiten nehmen Beize und Lack unterschiedlich an, was nach der Oberflächenbehandlung einen sichtbaren Farbunterschied zwischen den Bahnen ergeben kann — den bekannten Barber-Pole-Effekt.
Wo man es antrifft
- Wandbekleidung in Marmor oder Onyx. Die klassische Anwendung: eine ganze Wand oder ein Kamin aus einem Block, wobei vier Platten zusammen ein schmetterlingsförmiges, symmetrisches Muster bilden.
- Arbeitsplatten und Tischplatten, bei denen die Platte und die aufgehende Rückwand oder die Seite einer Kochinsel aneinander anschließen.
- Furnierwände und Türen in repräsentativen Räumen.
- Massivholzplatten, bei denen zwei Bohlen desselben Baumes gespiegelt verleimt werden.
Praktisch: wie man bestellt
- Alles aus einem Block. Livre ouvert gelingt nur, wenn die gesamte Arbeit aus demselben Block stammt. Nachbestellen ist später unmöglich — ein anderer Block hat eine andere Zeichnung. Deshalb in einem Zug bestellen, mit reichlichem Zuschlag für Bruch und Schnittverlust.
- Die Platten selbst begutachten. Um eine Abnahme im Werk oder um Fotos der aufgestellten Platten vor der Verarbeitung bitten. Naturstein ist kein Katalogprodukt; zwei Lieferungen derselben ‘Sorte’ können völlig unterschiedlich ausfallen.
- Die Spiegelachse im Entwurf festlegen. Wo die Fuge liegt, ist eine Entwurfsentscheidung. Eine Spiegelachse mittig hinter dem Kochfeld oder mittig unter einem Spiegel wirkt beabsichtigt; eine Achse knapp neben der Mitte wirkt wie ein Fehler.
- Mit mehr Verschnitt rechnen. Weil die Platten in fester Reihenfolge und Ausrichtung verarbeitet werden müssen, lässt sich nicht frei einkaufen. Ein Aufschlag gegenüber gewöhnlicher Plattenware ist normal.
Was schiefgeht
- Verschieben statt Spiegeln. Dreht oder wendet der Verleger eine Platte, um besser auszukommen, ist die Symmetrie dahin und die Wirkung verloren.
- Fugenbreite. Bei einem streng gespiegelten Muster fällt jeder Millimeter Fugenbreite auf. Eine verklebte, eingefärbte Fuge in minimaler Breite ist hier der Standard.
- Unterschied in der Oberfläche. Bei Furnier nimmt eine der beiden Seiten anders Farbe an. Das an Musterstücken erproben oder eine Oberfläche wählen, die den Unterschied überdeckt.
- Unterkonstruktion vergessen. Stark gezeichnete, quarzarme Steinsorten wie manche Onyxe und Marmore sind bruchempfindlich. Große gespiegelte Flächen verlangen eine tragende Unterkonstruktion oder eine Verklebung auf einem Träger.
Verwandte Begriffe
- Naturstein
- Marmor
- Furnier
- Travertin
- Onyx
- Arbeitsplatte
- Schnittfuge
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